Auch wenn viele Akteure fest davon überzeugt sind, wir sind kein innovativer Teil der Volkswirtschaft, zumindest nicht bei Strukturen und Prozessen. Wer aber in der Gesundheitswirtschaft künftig erfolgreich sein will, sollte das rasch ändern. Wir erleben nämlich derzeit eine rasante „Normalisierung“ der Branche. Was anderswo bereits erfolgreich im Einsatz ist, wird auf die Tauglichkeit für die Betriebe der Gesundheitswirtschaft derzeit überprüft. Das gilt insbesondere deshalb, weil nach und nach mehr Wettbewerb in den Gesundheitssektor einzieht. Allerdings wird sie immer noch heiß diskutiert, die Frage: „Patient oder Konsument?“. Im „richtigen Leben“ geht es in Wahrheit gar nicht um diese Alternative. Natürlich ist der Patient im OP vom Können und Wissen der Experten abhängig. Mit der Konsumentensouveränität ist es nicht weit her. Genau Gleiches gilt aber auch im Flugzeug, wenn es erst mal von der Startbahn abgehoben hat. „Auf Leben und Tod“ sind die Reisenden Piloten und Technologie ausgeliefert. Wenn sie das Ticket kaufen, ist es ganz anders. Auf dem Gesundheitsmarkt ist die Situation ähnlich, nachdem Transparenz, zu zögerlich zwar, aber dennoch Einzug hält. Zeitungen und Zeitschriften haben die Auflagen stärkende Funktion von Gesundheitsthemen längst entdeckt. Medizinerrankings sind beliebter denn je. Und im Internet boomen Bewertungsportale aller Art. Hier einige zentrale Botschaften des im DKIF-Jahrbuch 2016 erschienenen Essays von Prof. Heinz Lohmann, Geschäftsführer LOHMANN konzept GmbH, Hamburg:

„Markenmedizin“ für informierte Patienten
Der Medizinprozess rückt ins Zentrum des Gesundheitsmarktes. Dabei ist besonders wichtig, zu einer geplanten und strukturierten Behandlung zu kommen. Eine solche Entwicklung ist die Voraussetzung für „Markenmedizin“.

Von der Institution zum Prozess
Das Expertensystem Medizin der Vergangenheit war auf Institutionen ausgerichtet. Je mehr der Patient auch Konsument wird, desto mehr nimmt die Bedeutung von Prozessen zu. Die künftig notwendige Komplexität lässt sich nur realisieren, wenn statt „schneller“ zu arbeiten „anders“ gearbeitet wird. Diesen Umbruch haben viele Wirtschaftsbereiche in den letzten 30 Jahren erlebt. Er erreicht jetzt auch die Gesundheitsbranche.

„Digitale Industrialisierung“
Seit 30 Jahren benutzt die Automobilindustrie nun die Möglichkeiten der „Digitalen Industrialisierung“. Das zu produzierende Auto wird mit den Einzelteilen, die notwendig sind, um dieses individuell in Auftrag gegebene Produkt herzustellen, automatisch zusammen geführt. Diese Art und Weise, Produkte herzustellen, ist auch geeignet, um die Prozesse der Medizin zu digitalisieren. Es geht um die Übertragung der Methoden und Technologien, nicht um die Inhalte der Tätigkeiten.

Ärzte, Krankenpflegekräfte und Manager
Die technischen Voraussetzungen für den notwendigen Wandel sind vorhanden. Die IT gibt es. Es gibt informationstechnologische Lösungen für das Patientenmanagement und das Ressourcenmanagement. Supply-Chain-Management ist bereits entwickelt und das Prozessmanagement zur Integration verschiedener Akteure ebenso. Was fast durchgängig fehlt, ist die strukturierte Behandlungslösung der Medizin selber. Hier ist es notwendig, die Akteure an einen Tisch zu bekommen. Das ist besonders schwierig, weil in der Vergangenheit die Kultur der Krankenhäuser und in ambulanten Gesundheitseinrichtungen diesem Gedanken entgegen stand. Ärzte, Krankenpflegekräfte und Manager müssen in Zukunft an einem Strang ziehen, um diese große Aufgabe zu bewältigen. Nur so wird es möglich sein, die Produktivität und die Qualität zu erreichen, die notwendig ist, hervorragende Medizin zu bezahlbaren Preisen zu realisieren.

Medizin 4.0 erfüllt Wünsche der Patienten
Medizin 4.0 muss durch den Wandel von institutions- zu prozessbezogenem Agieren den Wünschen und Erwartungen der Patienten entsprechen. Auch wenn die Anwendung von Methoden und Technologien oft noch in den „Kinderschuhen“ steckt. In einem ersten Schritt geht es jetzt darum, die technischen Möglichkeiten zu nutzen, den Ärzten „das aktuelle Wissen der Welt“ passgenau für ihre jeweiligen Patienten zur Verfügung zu stellen. Das wird in den nächsten Jahren zum Standard

bei den Gesundheitsanbietern werden.

„Improvisationstheater verplempert „Arbeitskräfte“
Es wäre fahrlässig, weiterhin auf den Einsatz der in anderen Branchen längst erprobten Methoden und Technologien der Prozessoptimierung zu verzichten. Ganz abgesehen davon, dass heute tagtäglich in Krankenhäusern die Arbeitskraft der immer rarer werdenden ärztlichen und pflegerischen Mitarbeiter „verplempert“ wird, ist das übliche „Improvisationstheater“ auch noch höchst uneffektiv. Innovationen im Krankenhaus tun not.

Prof. Heinz Lohmann (© Bertram Solcher)
Prof. Heinz Lohmann (© Bertram Solcher)

Über den Autor:
Heinz Lohmann war lange Jahrzehnte in leitenden Funktionen im öffentlichen und privaten Sektor tätig, davon mehr als 35 Jahre im Gesundheitsbereich, zuletzt als Vorstandssprecher des damaligen Krankenhausunternehmens LBK Hamburg, das heute zu Asklepios gehört. Seit 2005 ist Lohmann als Gesundheitsunternehmer und Netzwerker tätig, unter anderem als Geschäftsführer der LOHMANN konzept GmbH, als Gesellschafter der WISO HANSE management GmbH, der Produktionsfirma Lohmann media.tv GmbH und der agentur gesundheitswirtschaft GmbH in Wien. Lohmann ist Professor der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg sowie Autor und Herausgeber zahlreicher Fachpublikationen. Er ist Vorsitzender der von ihm mitgegründeten INITIATIVE GESUNDHEITSWIRTSCHAFT e.V. in Berlin, Präsident bzw. wissenschaftlicher Leiter mehrerer Branchenkongresse wie dem GESUNDHEITSWIRTSCHAFTSKONGRESS in Hamburg, dem ÖSTERREICHISCHEN GESUNDHEITSWIRTSCHAFTSKONGRESS in Wien und dem Managementkongress KKR beim Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit in Berlin. Lohmann ist außerdem Mitglied in mehreren Aufsichtsräten und Kuratorien.