Fast alle zwei Minuten erleidet ein Mensch in Deutschland einen Schlaganfall. Rund 280.000 Menschen sind davon betroffen, ein Viertel überlebt dieses Ereignis nicht. Immer geht es um eine schnelle und gezielte Intervention, mit der möglichst viel Hirngewebe gerettet wird – und damit die Funktionalität dieses Organs. Immer mehr Kliniken werden flächendeckend einem auf Schlaganfälle spezialisierten Zentrum zugeordnet, um durch telemedizinische Vernetzung so schnell wie möglich eine zielgerichtete Therapie durch einen erfahrenen Facharzt einleiten zu können.

Ein ausführlicher Bericht im DKIF-Jahrbuch 2016 beschreibt die Lösung eines dieser Netzwerke, die in verschiedenen Regionen Bayerns im Auftrag des Staatsministeriums für Gesundheit aufgebaut wurden: „NEVAS“. Diese Abkürzung steht für „Neurovaskuläres Versorgungsnetzwerk (www.NEVAS-Netz.de)“. Unter Federführung des Klinikums der Universität München sind 15 Kliniken und 3 Schlaganfallzentren im Raum Südwestbayern miteinander vernetzt worden. Eines der drei Schlaganfallzentren von NEVAS ist das Klinikum Ingolstadt. Den einzelnen Zentren sind Kooperationskliniken zugeordnet, die im Versorgungsbereich flächendeckend angeordnet sind.

Da die Patientendaten schnell und sicher übermittelt werden müssen, um eine möglichst zeitnahe Diagnostik und Therapie sicherzustellen, suchte man im NEVAS-Netzwerk nach einer Möglichkeit zur Verbesserung der Kommunikation. Früher erfolgte die Übermittlung der CT-Bilder über eine Datenleitung direkt von der Kooperationsklinik ins jeweilige Zentrum. Das funktionierte zwar, entsprach aber nicht der Philosophie eines Netzwerks und behinderte bei Kapazitätsengpässen die Betreuung durch andere Zentren. Ein Schwachpunkt war auch die Übertragung der vom Arzt in der Aufnahmeklinik erhobenen Daten und Befunde wie Anamnese oder zeitlicher Ablauf. Gerade der Zeitablauf wird als extrem wichtig erachtet, weil beispielsweise eine Lysetherapie nur innerhalb eines kurzen Zeitfensters nach dem Auftreten der Symptomatik sinnvoll ist. Man dokumentierte diese Daten auf einem Papierformular, das dann an das Zentrum gefaxt wurde. Mit damit einhergehenden Problemen, insbesondere der Lesbarkeit.

Vor diesem Hintergrund waren sich die Beteiligten des Netzwerks einig, dass die Datenübertragung über eine elektronische Patientenakte organisiert werden müsste. Nach umfänglichen Vorarbeiten wurde schließlich beschlossen, das in Ingolstadt vorhandene Cerner Soarian Integrated Care-System für NEVAS auszubauen. Soarian Integrated Care gilt als bestens eingeführtes System, beispielsweise dann, wenn sich die Ärzte des Krankenhauses mit ihren niedergelassenen Kollegen austauschen wollen. Die Patientendaten aus NEVAS werden auf den Servern des Klinikums Ingolstadt gehostet, was eine hohe Datensicherheit gewährleistet. Für die Schlaganfallpatienten haben die drei Zentrumskliniken in Soarian Integrated Care ein eigenes Formular eingerichtet und entsprechend konfiguriert. Der Arzt im externen Krankenhaus nimmt mit diesen Angaben die Basisdiagnostik vor und verschickt die CT-Bilder des Patienten als DICOM-Datensatz, im Unterschied zu früher allerdings ausschließlich auf den Chili-Server im Klinikum Ingolstadt. Durch diesen Vorgang wird in Soarian Integrated Care automatisch eine elektronische Behandlungsakte angelegt mit allen erforderlichen administrativen Patientendaten.

In dieser Akte liegen bereits die CT-Bilder sowie ein elektronisches Formular, das speziell für die Diagnostik und Therapie von Schlaganfallpatienten im Netzwerk entwickelt wurde und das alle relevanten Patientendaten enthält. Der Arzt der Kooperationsklinik muss lediglich Anamnese, Zeitablauf und Kontraindikationen in strukturierter Form eintragen. Der Aufwand hierfür liegt bei etwa einer Minute. Wenn der Patient über die telemedizinische Anbindung vorgestellt wird, kann ihn der diensthabende Neurologe im Zentrum wie bisher über die Bild- und Tonverbindung sehen und mit Hilfe des Kollegen in der Kooperationsklinik untersuchen. Der Unterschied zu vorher liegt darin, dass der Neurologe jetzt direkt im elektronischen Formular seinen Befund und den Therapievorschlag dokumentieren kann. Dabei werden Textbausteine genutzt, die sowohl die Arbeit erleichtern, als auch helfen, Therapieempfehlungen zu vereinheitlichen. Unmittelbar nach dem Abspeichern der Dokumentation hat der Arzt in der Kooperationsklinik über Soarian Integrated Care wieder Zugriff auf das nun fertig ausgefüllte Formular. Das hat Vorteile: Es geht nicht nur schneller als die Dokumentation auf Papier und die Übertragung per Fax, sondern auch die Lesbarkeit der datenschutzrechtlich sicheren Übertragung ist sehr viel besser. Wenn der Patient in ein Zentrum verlegt werden muss, kann die Dokumentation in Soarian Integrated Care in ein PDF-Dokument umgewandelt und in die elektronische Krankenakte des Krankenhausinformationssystems übernommen werden – ein bedeutsamer Fortschritt. Dadurch hat das Zentrum vorab schon alle relevanten Daten, um beispielsweise einen neuroradiologischen Eingriff vorbereiten zu können. Für den Schlaganfallpatienten bedeutet die elektronische Patientenaktve eine Zeitersparnis und damit die Chance auf ein besseres Behandlungsergebnis und höhere Überlebenschancen. Und das Ziel „Time is brain – Zeit ist Hirn“ ist nicht nur Wunsch, sondern Realität.

MRI scan © Syda Productions | Fotolia.com
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