Das deutsche Gesundheitssystem steht vor wachsenden Herausforderungen. Die Auswirkungen des demographischen Wandels aufgrund steigender Lebenserwartung und sinkender Geburtenraten, die Zunahme des Anteils chronisch kranker und multimorbider Patienten, die zunehmende Urbanisierung sowie der medizinisch-technische Fortschritt verdeutlichen, dass die Weiterentwicklung von Versorgungs- und Organisationsstrukturen unabdingbar ist (Gigerenzer et al., 2016). Vor allem für die stationäre Versorgung besteht erheblicher Handlungsbedarf. Grund hierfür ist insbesondere der wirtschaftliche Druck, der verstärkt wird durch Veränderungen im Morbiditätsspektrum, dem Wettbewerbsdruck und dem zunehmenden Dokumentationszwang. Aber auch Faktoren wie Fachkräftemangel, unzureichende Investitionskostenfinanzierung und der medizinische Fortschritt spielen dabei eine Rolle (Klauber et al., 2015). Um den neuen Anforderungen gerecht werden zu können, bedarf es sowohl eines Umdenkens der handelnden Akteure als auch prozessualer und technischer Innovationen und Veränderungen. Gefragt sind innovative aber auch umsetzbare, konkrete Lösungsansätze, die die Digitalisierung bieten kann, sofern man sie zulässt. Die Digitalisierung ist in vielen Branchen wie beispielsweise in der Industrie, dem Handel und dem Finanzbereich schon auf einem hohen technischen Entwicklungsstand. Digitale Anwendungen und Technologien sind sowohl aus unserem beruflichen als auch privaten Alltag nicht mehr wegzudenken. Ob Online-Überweisungen und -Einkäufe, der elektronische Austausch von Informationen, Dokumenten sowie die Kommunikation zwischen Menschen und Institutionen selbst: die Digitalisierung schreitet mit großen Schritten voran und macht auch vor dem Gesundheitswesen nicht Halt. Aber gerade der stationäre Sektor liegt bei der Einführung innovativer Versorgungsprozesse mit digitaler Unterstützung noch immer zurück (Eichhorst et al., 2015). Die Digitalisierung und die Vernetzung durch technologische Anwendungen haben großes Potenzial, die Wirtschaftlichkeit sowie die Versorgungsqualität im Krankenhaus zu erhöhen und damit dem Problem des steigenden Kostendrucks entgegen zu wirken. Hierbei stehen zum einen IT-Anwendungen zur Optimierung von Prozess- und Organisationsstrukturen und zum anderen deren Einsatz zur Verbesserung der Versorgung im Vordergrund (Stefan et al., 2014).

Künftige Herausforderungen für Krankenhäuser
Der wirtschaftliche Druck führte in der jüngsten Vergangenheit zu zahlreichen Schließungen und Fusionen von Krankenhäusern und ein Ende dieser Entwicklung ist derzeit nicht absehbar. Aufgrund der häufig unzureichenden Investitionsfinanzierung werden Krankenhäuser dazu gezwungen Anteile der Betriebskostenfinanzierung zur Sicherstellung einer ausreichenden technischen Ausstattung zu nutzen. Dies hat bereits erste Rationalisierungstendenzen zur Folge, die sich auf die Patientenversorgung auswirken. Während es in der deutschen Krankenhauslandschaft gerade im urbanen Raum häufig zu Überkapazitäten kommt, macht sich in einigen ländlichen Regionen hingegen eine Unterversorgung bemerkbar (Reifferscheid et al., 2015). Aufgrund der demographischen Entwicklung in Deutschland wird sich die Inanspruchnahme stationärer Leistungen perspektivisch verstärken und der Patient wird zukünftig nicht nur älter, sondern auch zunehmend multimorbider. Dadurch wird sich das Krankheitsspektrum signifikant verändern, da altersbezogene Begleiterkrankungen wie Demenz und Diabetes vermehrt auftreten. Die steigende Lebenserwartung wird außerdem zu einer Erhöhung der Pflegebedürftigkeit führen (ebd.). Die Krankenhausfallzahlen werden aufgrund des medizinisch-technischen Fortschritts weiter ansteigen. Innovationen und Weiterentwicklungen in der Medizintechnik führen zu einem breiteren Angebot an medizi-nischen Leistungen und erlauben die Behandlung von immer mehr Menschen mit hohem Alter. Da moderne Behandlungsverfahren helfen können die Krankenhausverweildauer zu senken, wird sich die medizinische Leistungserbringung tendenziell in den ambulanten Sektor verlagern. Es wird deutlich, dass die sektoren-übergreifende Kooperation, Vernetzung und Koordination zwischen Krankenhäusern, dem ambulanten ärztlichen Sektor sowie Pflegeeinrichtungen unverzichtbar wird (ebd., Meinecke, 2014). Eine weitere Schwierigkeit im operativen Tagesgeschäft stellt die drohende Informationsflut dar. Mitarbeiter sollen zwar mit Hilfe von Informationen unterstützt werden, dafür bedarf es aber mobiler und stationärer Systeme, welche ausschließlich die wirklich notwendigen Informationen bereitstellen. Es muss sichergestellt werden, dass die richtigen Informationen zur richtigen Zeit dem Anwender zur Verfügung stehen.

Digitalisierung – Status quo in deutschen Krankenhäusern
Aktuell verfügen nur wenige Krankenhäuser über durchgängig digitalisierte interne Strukturen und Abläufe. acheter sildenafil mylan Häufig bestehen nur Insellösungen (Abteilungen und Stationen), welche einzelne digitalisierte Prozesse beinhalten. Informationsaustausch und Datenverarbeitung finden nur in isolierten Bereichen statt. Auch wenn heute kein Krankenhaus mehr ohne IT denkbar wäre, bestehen bislang nur selten IT-Strategien, die alle Unternehmensbereiche sowie externe Partner umfassen und konsequent einbeziehen. Bislang ist es häufig nicht möglich, medizinische IT-Anwendungen, wie etwa bildgebende Verfahren, mit anderen digitalen Strukturen wie beispielsweise Administration, Disposition oder der Ressourcensteuerung zu verbinden. Viele Krankenhäuser besitzen zwar interne elektronische Patientenakten, aber eine mobile Verfügbarkeit für das medizinische und pflegende Personal, z.B. am Krankenbett, gibt es allerdings nur selten. Zugriffsmöglichkeiten für den Patienten sind in der Praxis fast nicht existent. Der Umgang mit Personal, Ressourcen, Räumen und Geräten ist meistens nicht oder nicht ganzheitlich elektronisch unterstützt, was dazu führt, dass Materialbestellungen meist noch telefonisch getätigt und Arztbriefe per Fax verschickt werden (Stefan et al., 2014). In Krankenhäusern kommen eine Vielzahl verschiedener IT-Systeme zum Einsatz. Vor allem das Kranken-hausinformationssystem (KIS) ist derart in sich geschlossen, dass eine Vernetzung mit und eine Steuerung durch weitere Systeme kaum möglich ist. Die fehlende Verbindung der einzelnen IT-Systeme und der damit verbundene Zusatzaufwand durch manuelle Speicherung und Weiterleitung führen zu zeitlichen Unterbrechungen im Behandlungsprozess sowie zu einem Anstieg der Prozesskosten (Stefan et al., 2014).

Krankenhäuser sind komplexe Systeme in denen Personal mit unterschiedlichsten Qualifikationen (Ärzte, Pflegekräfte, Verwaltungsangestellte, IT-Personal) zusammenarbeiten. Zahlreiche Prozessabläufe sind miteinander verbunden und voneinander abhängig. Mitarbeiter sind in unterschiedlichen Abteilungen, Stationen und Bereichen organisiert und arbeiten dort bereichsübergreifend. Eine Vernetzung ist also bereits vorhanden und deren effiziente Organisation somit zwingend notwendig, gerade auch um eine hohe Patientensicherheit zu gewährleisten (Meinecke, 2014). Der Informationsaustausch an den Schnittstellen zwischen stationärem und ambulantem Sektor oder dem Pflegebereich weist oft Kommunikations- und Medienbrüche auf. Die Nutzung von IT-Strukturen über Organisationseinheiten und Sektoren hinweg findet nur selten statt. Grundsätzlich wäre dies auch eine Aufgabe der IT-Abteilungen in den Krankenhäusern, welche bisher jedoch häufig nur als ausführende Dienstleister betrachtet werden. Bei der Prozessmodellierung oder Strategieentwicklung findet häufig keine Zusammenarbeit mit anderen Bereichen statt (Reifferscheid et al., 2015). Neben den genannten Aspekten fehlen Kran-kenhäusern häufig außerdem die finanziellen Mittel für Investitionen in innovative Anwendungen.

Lösungsansätze
Um die Effizienz und Versorgungsqualität im Krankenhaus zu verbessern ist die interne Digitalisierung und flächendeckende Vernetzung über Sektorengrenzen hinweg unausweichlich. Hierzu müssen IT-Strukturen etabliert werden, welche über Organisations- und Funktionsbereiche hinweg funktionieren und den Aus-tausch und Abruf von Daten jederzeit ermöglichen (Stefan et al., 2014). Intelligente Systeme, die aus der Informationsflut notwendige Informationen bündeln, zusammenführen und in Bezug setzen, können Abläufe unterstützen und Fehler erkennen. Wichtig ist die ganzheitliche Vernetzung aller Teilbereiche, Anwendungs- und Funktionsfelder sowie eine Anbindung an den ambulanten Sektor und Pflegebereich. Mit Hilfe durchgängiger Kommunikations- und Informationsstrukturen können eine stringente Informationsweitergabe, effiziente und koordinierte Organisation der Behandlungsabläufe sowie prozessorientierte Aufgabenteilungen gewährleistet werden. Des Weiteren können fehlende Absprachen sowie Informationsverluste vermieden werden (Heimbach, 2010). Obwohl es geeignete Systemlösungen und Innovationen bereits gibt, sind für die richtige Auswahl und Implementierung die Berücksichtigung der eigenen existierenden Systeme sowie die Einbeziehung der technologischen, rechtlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen und Möglichkeiten essentiell. Dass ein solch komplexes Projekt nicht alleine gelingen kann, liegt auf der Hand. Es bedarf daher einer Einbeziehung und Zusammenführung aller intern und extern, operativ und strategisch notwendigen Personen, Institutionen und Partnern. Die Einführung innovativer, digitaler Lösungen im Krankenhaus ist kein Selbstzweck und vor allem kein Selbstläufer und sollte nicht aus Angst vor Veränderungen und bestehenden Hürden unterbleiben. Digitali-sierung und Vernetzung muss in der gesamten Führungsebene gedacht, vermittelt und angestrebt werden. Vor dem Hintergrund der strategischen Herausforderungen und notwendigen strategischen Entscheidungen ist dies folgerichtig keine Aufgabe, die in den Verantwortungsbereich der IT-Abteilungen fällt, sondern verlangt – und das ist bei Innovationen immer so – mutige Entscheidungen der Krankenhausleitungen.

 

Professor Dr. Arno Elmer (© www.innovationhealthpartners.de)
Professor Dr. Arno Elmer (© innovationhealthpartners.de)

Über den Autor
Der studierte Diplom-Betriebswirt und Wirtschaftsinformatiker Prof. Dr. Arno Elmer promovierte im Bereich Gesundheitswissenschaften. Er hat einen Master of Laws mit Schwerpunkt Daten- und Verbraucherschutz im Internet, lehrte an der evangelischen Hochschule in Nürnberg, Fakultät Gesundheit und Pflege und seit 2008 an der FOM, Hochschule für Oekonomie und Management in Berlin und Nürnberg u.a. Gesund-heitsökonomie. In den letzten 20 Jahren sammelte er als Manager, Geschäftsführer und Vorstand in Top-Unternehmen fundierte Erfahrungen in der Steuerung komplexer IT-Projekte, bei der Einführung von karten- und online-basierten Zahlungssystemen sowie bei der erfolgreichen Restrukturierung und Neuausrichtung von Unternehmen. Bis Mitte 2015 war er Hauptgeschäftsführer der gematik, Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH, und realisierte den Turnaround des größten europäischen eHealth-Projekts. Prof. Dr. Elmer leitet seit mehreren Jahren die „Forschungsgruppe digitale Gesundheit“ an der FOM. Zu-sammen mit anderen eHealth-Experten werden hier Forschungsprojekte initiiert und Fachpublikationen zur aktuellen Entwicklung rund um das Thema Digitalisierung im Gesundheitswesen veröffentlicht. Auch die Organisation von Veranstaltungen sowie die aktive Teilnahme an Kongressen gehören zum Leistungsspektrum. Natürlich fließen die Ergebnisse und Erfahrungen aus dem Zusammenspiel von Theorie und Praxis in das Projekt der INNOVATION HEALTH PARTNERS sowie in die Lehrtätigkeit an der FOM mit ein.

Literatur:
Heimbach, R. (2010). Struktur- und Prozessinnovationen. Modernisierung im Krankenhaus. In V. Schumpelick & B. Vogel (Hrsg.), Innovationen in Medizin und Gesundheitswesen (S. 205-220). Freiburg: Herder

Gigerenzer, G., Schlegel-Matthies, K., Wagner, G.G. (2016). Digitale Welt und Gesundheit. eHEalth und mHealth – Chancen und Risiken der Digitalisierung im Gesundheitsbereich. Berlin: Sachverständigenrat für Verbraucherschutz

Eichhorst, S., Hehner, S., Liese, K., Nierdermann, F. & Möller, M. (2015). Der digitale Patient in der stationären Versorgung. Chancen und Umsetzungsmöglichkeiten. Verfügbar unter: https://www.mckinsey.de/files/whitepaper_digitaler_patient.pdf (30.05.2016).

Klauber, J., Geraedts, M. Friedrich, J. & Wasem, J. (Hrsg.). (2015). Krankenhausreport 2015. Schwerpunkt: Strukturwandel. Stuttgart: Schattauer GmbH.

Reifferscheid, A., Thomas, D., Pomorin, N. & Wasem, J. (2015). In J. Klauber, M. Geraedts, J. Friedrich & J. Wasem (Hrsg.). Krankenhausreport 2015. Schwerpunkt: Strukturwandel (S. 3-13). Stuttgart: Schattauer GmbH.

Stefan, D., Michels, C. & Deutsch, H. (2014). Interoperabilität als Weg zur Investitionssicherheit.

Meinecke, S. (2014). Krankenhäuser rundum intelligent vernetzt. EHEALTHCOM, 6, 14, 40-43.